Lernvideos auf Youtube erhalten den Status Quo und das ist schlecht

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Bildung und Schule / Meinung

Die Dosis macht das Gift, heißt es so schön bei Chemikern und das gilt für so vieles im Leben. Lernvideos sind da ein gutes Beispiel. Als kurze Phase und als zusätzliches Material können sie den Schüler_innen sehr viel bringen. Immer Vorausgesetzt, dass die Qualität der Inhalte und der Produktion stimmt. Zuviel eingesetzt sind Lernvideos aber auch nur eine hippe Form des Frontalunterrichts.

Problematisch ist, dass die Anbieter dieser Videos, in meinem Beispiel „TheSimpleClub“, sich mittlerweile daran machen den Unterricht ersetzen zu wollen. TheSimpleClub hat mit Lernvideos für das Fach Mathematik angefangen (TheSimpleMaths) und sind mittlerweile zu einer Lernplattform geworden, auf der sie für fast alle Fächer Videos anbieten. Dank der YouTube #adpocalypse und der Nachhaltigkeit des eigenen Unternehmens haben TheSimpleClub jetzt damit angefangen eine Abo basierte Lernplattform anzubieten. Für 10€ im Monat bekommen die Schüler_innen Zugang zu einer App und einer Webseite, auf der alle Videos zu sehen sind und es Aufgaben, Spickzettel etc. gibt. Die Videos bleiben zwar alle noch auf YouTube, aber nach jedem Video wird Werbung für diese Plattform gemacht. TheSimpleClub versucht also eine Online Nachhilfezentrale aufzubauen. Soweit so gut.

Nach eigenen Aussagen sind sie übrigens noch auf YouTube, weil sie da angefangen haben und groß geworden seien. Dank der treuen Fans (und vor allem mit ihrem Geld) seien sie jetzt in der Lage auf der Lernplattform noch viel bessere Inhalte anzubieten. Das alles wird natürlich im coolen und jugendlichen Slang erklärt, den sie auch in ihren Videos an den Tag legen. Um dieses Image zu halten, haben sie auch kürzlich auf der Tincon (Einem Festival für digitale Jugendkultur) einen Vortrag mit dem Vielsagendem Namen „TheSimpleClub – Warum Schule scheiße ist (TINCON 2017 Berlin)“ gehalten.

Der Kanaltrailer von TheSimpleClub fängt mit folgendem Versprechen an:

Moin zusammen, wir sind Alex und Nico, die Gründer von TheSimpleClub und wir machen euch das Lernen so einfach wie möglich.

Kanaltrailer Beschreibung.

Du willst MEHR als öde Nachhilfe!
TheSimpleClub macht Lernen einfach für dich! Keine Angst vor Klausuren mehr! Mit Übungsaufgaben, den besten Zusammenfassungen helfen wir dir mit den besten Tutorials Online in Mathe, Biologie, Physik, Chemie, Wirtschaft, Geschichte, Informatik und Geografie. Einfacher vorbereiten, wiederholen und nachbereiten ganz ohne Stress auf www.thesimpleclub.de!

Lernen ist nun eine Sache, die nicht unbedingt einfach sein sollte. Aus Perspektive der Individualisierung betrachtet ist das Angebot theoretisch ja auch gut oder? Die Schüler_innen lernen eigenständig Stoff und bearbeiten Aufgaben. (Besser für die Welt wäre noch ein OER-Ansatz, aber TheSimpleClub muss ja auch von was leben.) Ich sehe das ganze Konzept trotzdem zunehmend kritischer. Was The Simple Club und all die anderen Lernvideos nämlich tun, wenn man sie als Nachhilfekonzept versteht, ist nichts anderes als Frontalunterricht im Netz und zwar Frontalunterricht, der ausschließlich auf Wissensvermittlung abzielt.

Meine Kleinen und Großen müssen in Geschichte von Beginn an lernen Karikaturen und Quellen zu bearbeiten. Es geht darum, dass sie lernen Karten lesen und Informationen aufzunehmen und einordnen. Natürlich ist eine Lernkontrolle in der 7. Klasse auch ein Abfragen von Wissen, aber kompetenzorientiert betrachtet ist Unterricht eben nicht nur das Auswendiglernen von Fakten aus einem Video. TheSimpleClub sagt den Schüler_innen aber, dass Schule scheiße ist und, dass sie lieber kurz vor der Lernkontrolle ihre Videos gucken und ihre Spickzettel benutzen sollen und das kann ein Problem sein.

Meine Reihenplanung und meine Konzeption der Lernkontrolle ist dabei nicht relevant, weil sie die nicht kennen. Dabei mache ich im Unterricht vor der Lernkontrolle vieles ähnlich wie die zwei von TheSimpleClub. Die Schüler_innen gehen eigenständig den Stoff nochmal durch. Es gibt Checklisten und Themenglossare, mit denen die Schüler_innen ihr gelerntes Wissen überprüfen können. Nur haben wir im Unterricht eben auch die Methoden geübt, die ihnen dann zum einen natürlich in der Lernkontrolle/Klausur helfen, aber mit denen sie auch nach der Schulzeit noch in der Lage sind Informationen aufzunehmen, zu ordnen und zu verstehen.

Die coolen YouTuber und ihr Frontalunterricht sagen aber, dass die Schüler_innen mit ihren Informationen perfekt auf die Lernkontrolle vorbereitet sind. Die Verlockung im Unterricht wenig aufzupassen und mit dem Bulimiewissen von TheSimpleClub die Unter- und Mittelstufe zu überstehen ist groß. Denn wahrscheinlich haben die meisten Schüler_innen damit in der Unter- und Mittelstufe auch noch Erfolg, denn hier geht es noch viel um das Sammeln von Wissen und mit Sicherheit auch bei vielen Kolleg_innen um Auswendiglernen. In der Oberstufe bringen diese Videos dann aber immer weniger, weil ab hier das Wissen angewandt werden muss.

Für die Schüler_innen wäre es wesentlich besser, wenn diese Plattform kompetenzorientiert wäre und Übungen für Analyse- und Urteilskompetenz anbieten würde. Möglich wäre auch die Ausbildung von Methodenkompetenz. Gerade am Anfang ist das Einüben von Analyseschemata wichtig. Dieser Tweet von Björn Nölte zeigt, dass man in einem kurzen Video Quellenanalyse vermitteln kann.

Eine Lernplattform kann dann mit Selbstüberprüfungsbögen oder peer review-Prozessen arbeiten und die Schüler_innen Quellen analysieren lassen. Die Lernvideos sind dann die Ergänzung dazu. Das würde den Schüler_innen wirklich helfen! Das ist aber schwieriger zu realisieren. Am Ende des Tages bringt es wahrscheinlich auch weniger zahlende Kunden und darum geht es ja letztendlich. Die beiden sympathisch wirkenden Gründer halten zwar den Erfolg der Kleinen hoch, wollen aber auch nur von irgendetwas leben.

Was bleibt für mich als Lehrkraft jetzt als Fazit?

Wenn ich Lernvideos im Unterricht einsetze, dann nicht ohne einen impliziten Disclaimer. Den Schüler_innen muss klar sein warum wir Dinge im Unterricht machen (Zieltransparenz) und es muss ihnen deutlich gemacht werden, dass sie mit diesen Videos nur Faktenwissen anhäufen.

Der Autor

Ich leite den Laden hier.

2 Kommentare

  1. Martin sagt

    Zustimmung. Aber:

    „Denn wahrscheinlich haben die meisten Schüler_innen damit in der Unter- und Mittelstufe auch noch Erfolg, denn hier geht es noch viel um das Sammeln von Wissen und mit Sicherheit auch bei vielen Kolleg_innen um Auswendiglernen. In der Oberstufe bringen diese Videos dann aber immer weniger, weil ab hier das Wissen angewandt werden muss.“

    Auswendig lernen hilft auch in der Oberstufe, durchs Abi kommt man damit ebenfalls mit einer 2.0. Wird inzwischen halt nach geschmissen, was vor allem im Studium auffällt, wenn es wirklich ans Anwenden des Wissen und vor allem des selbstständigen Lernen und Überprüfen geht. Daran scheitern dann schon viele.

  2. Andi sagt

    @Martin
    Zustimmung. Genau das nennt sich im schulischen Kontext „Kompetenzorientierung“.

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